Der Gnadenlohn



Christi Gleichnisse

Kapitel 28:

Der Gnadenlohn

Auf der Grundlage von

Matthäus 19,16-30; Matthäus 20,1-16;

Matthäus 10,17-31; Lukas 18,18-30.


Die Juden hatten die Wahrheit über die freie Gnade Gottes beinahe ganz aus den Augen verloren. Die Rabbiner lehrten, daß die Gunst Gottes verdient werden müsse, und hofften die Belohnung der Gerechten durch ihre eigenen Werke zu gewinnen. Daher herrschte in ihrem ganzen Gottesdienst ein gieriger, lohnsüchtiger Geist.

Selbst die Jünger Christi waren nicht gänzlich frei von diesem Geist und der Heiland benutzte jede Gelegenheit, um ihnen ihren Irrtum zu zeigen. Gerade ehe er das Gleichnis von den Arbeitern gab, fand ein Ereignis statt, das ihm Gelegenheit bot, ihnen die richtigen Grundsätze klarzulegen.


Als er seines Weges ging, trat ein Oberster zu ihm und grüßte ihn ehrfurchtsvoll, vor ihm knieend. „Guter Meister,“ sagte er, „was soll ich Gutes tun, daß ich das ewige Leben möge haben?“


Der Oberste hatte Christum einfach als einen geehrten Rabbiner angeredet und in ihm nicht den Sohn Gottes erkannt. Der Heiland antwortete: „Was heißest du mich gut Niemand ist gut, denn der einige Gott.“


Auf welchen Grund hin nennst du mich gut Gott allein ist gut, wenn du erkennst, daß ich gut bin, mußt du mich als Gottes Sohn und Vertreter annehmen.

„Willst du aber zum Leben eingehen,“ fügte er hinzu, „so halte die Gebote.“


Der Charakter Gottes ist in seinem Gesetz ausgedrückt und wenn du in Harmonie mit Gott sein willst, so müssen die seinem Gesetze unterliegenden Grundsätze die Quelle aller deiner Handlungen sein.


Christus verringert die Ansprüche des Gesetzes nicht. In unverkennbarer Sprache stellt er den Gehorsam gegen dasselbe als die Bedingung zum ewigen Leben hin dieselbe Bedingung, die dem Adam vor seinem Fall gestellt wurde.

Der HERR erwartet jetzt von einer Seele nichts weniger, als ehemals vom Menschen im Paradiese, einen vollkommenen Gehorsam und eine unbefleckte Gerechtigkeit.

Die unter dem Gnadenbunde gestellte Forderung ist gerade so groß, wie die in Eden gestellte, Harmonie mit dem Gesetze Gottes, welches heilig, gut und gerecht ist.




Auf die Worte: „So halte die Gebote,“ fragte der junge Mann:

„Welche?“ Er dachte, daß irgend eine zeremonielle Vorschrift gemeint sei, aber Christus sprach von dem auf Sinai gegebenen Gesetze. Er führte mehrere Gebote von der zweiten Gesetzestafel an und faßte sie dann alle in die eine Vorschrift zusammen „Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst.“


Der junge Mann antwortete ohne Zögern: „Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf; was fehlt mir noch?“


Sein Begriff vom Gesetz war nur die äußere Form und daher oberflächlich. Nach menschlichem Maßstabe beurteilt, hatte er einen tadellosen Charakter bewahrt. Sein äußerliches Leben war in hohem Grade frei von Schuld gewesen; ja, er dachte sogar, daß sein Gehorsam ohne Tadel gewesen sei. Dennoch hatte er eine geheime Furcht, daß zwischen seiner Seele und Gott nicht alles in Ordnung sei.

Dies veranlaßte die Frage: „Was fehlt mir noch?“


„Willst du vollkommen sein,“ sagte Christus, „so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib‘s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, und folge mir nach. Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt von ihm; denn er hatte viel Güter.“


Ein Mensch, der sein eigenes Ich liebt, ist ein Übertreter der Gesetzes. Dies wünschte Jesus dem jungen Manne begreiflich zu machen und er prüfte ihn auf eine Weise, durch welche die in seinem Herzen wohnende Selbstsucht offenbar wurde.

Er zeigte ihm den wunden Punkt in seinem Charakter. Der junge Mann wünschte keine fernere Aufklärung.

Er hegte einen Götzen in der Seele; die Welt war sein Gott. Er behauptete, die Gebote gehalten zu haben, kannte jedoch nicht den Grundsatz, welcher der Geist und das Leben aller Gebote ist.

Er hatte keine wahre Liebe zu Gott oder Menschen und deshalb mangelte ihm auch alles, was ihn befähigen könnte, Zutritt zum Himmelreiche zu haben. Durch seine Selbstliebe und sein Trachten nach weltlichem Gewinn war er mit den Grundsätzen des Himmels nicht in Harmonie.



Als dieser junge Mann zu Jesu kam, da gewannen seine Aufrichtigkeit und sein Ernst ihm des Heilandes Herz. Er „sah ihn an und liebte ihn“.


Er sah in diesem jungen Manne einen Menschen, der ihm als Prediger der Gerechtigkeit dienen könnte. Er würde diesen begabten und edlen Jüngling ebenso bereitwillig angenommen haben, wie er die armen Fischer annahm, die ihm nachfolgten. Hätte dieser junge Mann seine Fähigkeit dem Werke der Seelenrettung gewidmet, dann hätte er ein fleißiger und erfolgreicher Arbeiter für Christum werden können.

Aber erst mußte er die Bedingungen der Jüngerschaft annehmen und sich ohne irgend welchen Vorbehalt Gott hingeben.

Auf des Heilandes Ruf verließen Johannes, Petrus und ihre Genossen alles, standen auf und folgten ihm nach. Lukas 5,28.

Dieselbe Hingabe wurde von diesem jungen Mann gefordert und Jesus verlangte von ihm kein größeres Opfer, als er selbst gebracht hatte. „Ob er wohl reich ist, ward er doch arm um euretwillen, auf daß ihr durch seine Armut reich würdet.“ 2.Korinther 8,9.


Der junge Mann sollte denselben Weg verfolgen, den Jesus genommen hatte. Christus blickte auf den Jüngling und sehnte sich nach seiner Seele. Ihn verlangte darnach, ihn als Boten zum Segen der Menschen hinaus zu senden.

Anstatt dessen, was er um Christi willen aufgeben sollte, bot er ihm das Vorrecht der Gemeinschaft mit ihm selbst an.

„Folge mir nach,“ sagte er.

Dieses Vorrecht war von Petrus, Jakobus und Johannes mit Freuden angenommen worden. Der Jüngling blickte mit Bewunderung zu Christo auf.

Sein Herz fühlte sich zum Heilande hingezogen. Aber er war nicht bereit, des Heilandes Grundsatz der Selbstaufopferung anzunehmen.

Er zog seine Reichtümer Jesu vor. Er wollte wohl das ewige Leben haben, wollte aber nicht jene selbstlose Liebe, die allein Leben ist, in seiner Seele herrschen lassen, und mit einem traurigen Herzen wandte er sich von Christo ab.


Als der junge Mann fortging, sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!“



Diese Worte überraschten die Jünger. Sie waren gelehrt worden, die Reichen als von Gott begünstigt anzusehen; sie selbst hofften, im Reiche des Messias weltliche Macht und Reichtümer zu empfangen. Wenn aber die Reichen nicht in das Reich Gottes eingehen könnten, welche Hoffnung gäbe es dann für die übrigen Menschen?


„Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist‘s, daß die, so ihr Vertauen auf Reichtum setzen, ins Reich Gottes kommen! Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie entsetzten sich aber noch viel mehr.“


Jetzt erkannten sie, daß die ernste Warnung auch ihnen gelte. Im Lichte der Worte des Heilandes wurde ihnen ihr eigenes Verlangen nach Macht und Reichtümern offenbart. In banger Besorgnis betreffs ihrer selbst riefen sie aus: „Wer kann denn selig werden?“


„Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist‘s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“


Ein reicher Mann geht nicht um seines Reichtums willen in den Himmel ein.

Sein Reichtum gibt ihm kein Anrecht auf das Erbteil der Heiligen im Licht.

Nur durch die unverdiente Gnade Christi kann irgend ein Mensch Zutritt zu der Stadt Gottes haben.

An die Reichen nicht weniger als an die Armen sind die durch den heiligen Geist eingegebenen Worte gerichtet:

Ihr „seid nicht euer selbst; denn ihr seid teuer erkauft“. 1.Korinther 6,19.20.



Wenn die Menschen dies glauben, dann werden sie ihre Besitzungen als ein ihnen von Gott anvertrautes Gut betrachten, das sie, wie er will, zur Rettung der Verlorenen und zum Besten der Leidenden und Armen benutzen werden.

Dem Menschen ist dies unmöglich, denn sein Herz klammert sich an seinen irdischen Schatz. Seine Seele, die an den Dienst des Mammons gebunden ist, ist taub gegen den Ruf menschlicher Not.

Aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Indem das selbstsüchtige Herz auf die Liebe Christi blickt, wird es schmelzen und erweichen.

Der Reiche wird dahin kommen, daß er sagt, wie dereinst Saulus, der Pharisäer, sagte: „Was mir Gewinn war, das hab ich um Christi willen für Schaden geachtet. Ja, ich achte es noch alles für Schaden gegen die überschwengliche Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn.“ Philipper 3,7.8.



Dann wird er nichts als sein Eigentum ansehen; er wird sich mit Freuden als Haushalter der mannigfachen Gnade Gottes betrachten und um seinetwillen gern der Knecht aller sein.

Petrus war der erste der Jünger, der sich, nachdem des Heilandes Worte sie ihres innern Zustandes überführt hatten, wieder faßte.

Er dachte mit Befriedigung an das, was er und seine Brüder für Christum aufgegeben hatten. „Siehe,“ sagte er, „wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolget,“ und der dem jungen Manne gemachten Verheißung:

„So wirst du einen Schatz im Himmel haben,“ gedenkend, fragte er, welche Belohnung er und seine Genossen für die von ihnen gebrachten Opfer erhalten würden?

Des Heilandes Antwort erfüllte die Herzen jener galiläischen Fischer mit Wonne.

Sie führte ihnen Ehren vor Augen, die ihre höchsten Träume erfüllten: „Wahrlich, ich sage euch, daß ihr, die ihr mir seid nach gefolget, in der Wiedergeburt, da des Menschen Sohn wird sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, werdet ihr auch sitzen auf zwölf Stühlen und richten die zwölf Geschlechter Israels.“

Und er fügte hinzu: „Es ist niemand, so er verläßt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfältig empfange; jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker, mit Verfolgungen, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“


Aber Petri Frage: „Was wird uns dafür?“ hatte eine Gesinnung offenbart, die wenn nicht verändert, die Jünger ungeeignet gemacht haben würde, Christi Boten zu sein, denn sie war der Geist eines Mietlings.

Obgleich die Jünger durch die Liebe Jesu angezogen worden waren, waren sie doch nicht gänzlich frei von Pharisäismus.

Sie wirkten immer noch mit dem Gedanken, eine Belohnung zu verdienen, die im Verhältnis zu ihrer Arbeit stehen würde. Sie nährten einen Geist der Selbsterhebung mit Selbstzufriedenheit und stellten Vergleiche untereinander an. Wenn einer von ihnen in irgend einer besonderen Sache Mißerfolg hatte, so gaben sich die andern dem Gefühl der Überlegenheit hin.



Damit die Jünger die Grundsätze des Evangeliums nicht aus den Augen verlieren möchten, erzählt Christus ihnen ein Gleichnis, welches die Art und Weise, in der Gott mit seinen Knechten verfährt, und den Geist, in welchem sie für ihn wirken sollten, veranschaulicht.

„Das Himmelreich,“ sagte er, „ist gleich einem Hausvater, der am Morgen ausging, Arbeiter zu mieten in seinen Weinberg.“


Es war gebräuchlich, daß Männer, die Arbeit suchten, an den Marktplätzen warteten, wohin die Arbeitgeber gingen, um Knechte zu mieten. Der Mann im Gleichnis wird dargestellt als zu verschiedenen Stunden ausgehend, um Arbeiter zu dingen.

Die in den frühesten Tagesstunden gemieteten Arbeiter willigen ein, für eine gewisse Summe zu arbeiten; und die später gemieteten überlassen die Bestimmung des Lohnes dem Arbeitgeber.

„Da es nun Abend ward, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Schaffner: Rufe den Arbeitern und gib ihnen den Lohn, und heb an an den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde gedinget waren, und empfing ein jeglicher seinen Groschen. Da aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeglicher seinen Groschen.“



Des Hausvaters Verfahren mit den Arbeitern in seinem Weinberge stellt Gottes Verfahren mit der menschlichen Familie dar. Es ist den unter Menschen üblichen Gebräuchen entgegen. In weltlichen Geschäften richtet sich die Vergütung nach der geleisteten Arbeit.

Der Arbeiter erwartet, daß ihm nur das bezahlt wird, was er verdient hat.

Aber Jesus veranschaulichte in dem Gleichnis die Grundsätze seines Reiches, eines Reiches, das nicht von dieser Welt ist. Er richtet sich nicht nach menschlichen Gebräuchen.

Der HERR sagt:

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege: ... sondern soviel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken.“ Jesaja 55,8.9.


Im Gleichnis willigten die zuerst gedungenen Arbeiter ein, für eine bestimmte Summe zu arbeiten, und sie empfingen den festgesetzen Betrag, nichts mehr. Die später gemieteten Arbeiter glaubten dem Worte des Hausvaters: „Ich will euch geben, was recht ist.“

Sie zeigten, daß sie ihm vertrauten, indem sie keine Frage betreffs des Lohnes an ihn richteten. Sie wurden nicht nach der von ihnen geleisteten Arbeit belohnt, sondern nach der Freigibigkeit des Hausvaters.



So wünscht auch Gott, daß wir ihm vertrauen, der den Gottlosen gerecht macht. Seine Belohnung wird nicht nach unserem Verdienst gegeben, sondern nach seinem Willen oder Vorsatz, „den er ausgeführt hat durch Christum Jesum, unsern Herrn.“

„Nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit machte er uns selig.“ Epheser 3,11.

Für alle, die ihm vertrauen, wird er überschwenglich tun „über alles, das wir bitten oder verstehen.“ Titus 3,5.


Es ist nicht die Größe der Arbeit, die verrichtet wird, oder das sichtbare Resultat derselben, wodurch sie irgend einen Wert vor Gott erhält, sondern es kommt auf den Geist an, in dem die Arbeit getan wird. Die, welche um die elfte Stunde in den Weinberg kamen, waren dankbar für die Gelegenheit arbeiten zu können. Ihre Herzen waren voller Dankbarkeit gegen den, der sie angenommen hatte; und als der Hausvater ihnen am Schluß des Tages einen vollen Tagelohn auszahlte, da waren sie sehr überrascht. Sie wußten, daß sie nicht so viel Lohn verdient hatten, und die im Angesicht ihres Arbeitgebers ausgedrückte Güte erfüllte sie mit Freude.

Sie vergaßen nie die Güte des Hausvaters, und die großmütige Vergütung, die er ihnen für ihre Arbeit gab.

So ist es auch mit dem Sünder, der seine Unwürdigkeit erkennend, um die elfte Stunde in den Weinberg des Meisters gegangen ist. Seine Dienstzeit scheint kurz, und er fühlt, daß er keine Belohnung verdient hat; aber er ist voller Freude darüber, daß Gott ihn überhaupt angenommen hat.

Er wirkt in Demut und vertrauensvoll und ist dankbar für das ihm zuteil gewordene Vorrecht, ein Mitarbeiter Christi zu sein. Solch einen Geist ehrt Gott gern.



Der HERRwünscht, daß wir ihm vertrauen ohne eine Frage betreffs unserer Belohnung zu stellen. Wenn Christus in der Seele wohnt, dann kommt der Gedanke an die Belohnung nicht in erster Reihe.

Er ist nicht der Beweggrund, der unserer Arbeit zugrunde liegt. Es ist wahr, daß wir in einem untergeordneten Sinne auch auf die uns verheißene Belohnung blicken sollen.

Gott wünscht, daß wir seine uns verheißenen Segnungen schätzen.

Aber er möchte nicht, daß wir nach Belohnung streben oder denken, daß wir für jede Pflichterfüllung eine Vergütung erhalten müssen. Wir sollen nicht so drauf bedacht sein, die Belohnung zu gewinnen, als das zu tun, was recht ist, ohne Rücksicht auf Gewinn und Belohnung.

Die Liebe zu Gott und zu unsern Mitmenschen sollte unser Beweggrund sein.


Dies Gleichnis entschuldigt diejenigen nicht, welche den ersten Ruf zur Arbeit hören, es aber unterlassen, in den Weinberg des Herrn zu gehen. Als der Hausvater um die elfte Stunde an den Markt ging und Leute unbeschäftigt fand, sagte er: „Was stehet ihr hier den ganzen Tag müßig?“

Die Antwort war: „Es hat uns niemand gedinget.“



Keiner von denen, die später am Tage gedungen wurden, war am Morgen da. Sie hatten sich nicht geweigert, dem Rufe Folge zu leisten. Die, welche sich anfänglich weigern, dann aber ihr Unrecht einsehen und bereuen, tun wohl daran; aber es ist nie sicher, es mit dem ersten Ruf der Gnade leicht zu nehmen.

Als die Arbeiter im Weinberge ihren Lohn empfingen, „ein jeglicher seinen Groschen,“ da murrten jene, die früh am Morgen mit ihrer Arbeit begonnen hatten. Hatten sie nicht zwölf lange Stunden gearbeitet? dachten sie, und wäre es nicht recht, daß sie mehr empfingen als die, welche nur eine Stunde zur kühleren Zeit des Tages gearbeitet hatten? „Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet,“ sagten sie, „und du hast sie uns gleich gemacht, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.“


„Freund,“ antwortete der Hausvater einem derselben, „ich tue dir nicht unrecht. Bist du nicht mit mir eins worden um einen Groschen?

Nimm, was dein ist, und gehe hin! Ich will aber diesem Letzten geben gleich wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem Meinen? Siehst du darum scheel, daß ich so gütig bin?“ „Also werden die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“



Die im Gleichnis erwähnten ersten Arbeiter stellen die dar, welche wegen ihrer Dienstleistungen einen Vorzug vor anderen beanspruchen. Sie gehen in einem leichten, in sich selbst Genüge findenden Geiste an die Arbeit und üben keine Selbstverleugnung und Selbstaufopferung.

Vielleicht erklärten sie, Gott ihr ganzes Leben hindurch dienen zu wollen, haben auch wohl schon Schwierigkeiten, Entbehrungen und Prüfungen erduldet und halten sich deshalb zu einer großen Belohnung berechtigt.

Sie denken mehr an die Belohnung, als an das Vorrecht, Knechte Christi sein zu dürfen.

Nach ihrer Ansicht sind sie durch ihre Arbeit und die von ihnen dargebrachten Opfer zu größeren Ehren berechtigt als andere, und weil dieser Anspruch nicht anerkannt wird, sind sie beleidigt. Hätten sie in einem liebenden, vertrauenden Geist gearbeitet, so würden sie auch fernerhin die Ersten sein, aber ihr zänkisches, mürrisches Wesen ist Christo unähnlich und zeigt, daß sie des Vertrauens unwürdig sind.

Es offenbart ihren Wunsch, das eigene Ich zu erheben, zeigt Mißtrauen gegen Gott und einen eifersüchtigen, mißgünstigen Geist gegen ihre Brüder.

Die Güte und Freigebigkeit des HERRN gibt ihnen nur Veranlassung zum Murren, und so zeigen sie, daß zwischen ihren Seelen und Gott keine Verbindung ist. Sie kennen nicht die Freude, Mitarbeiter des Meisters zu sein.


Nichts ist Gott mißfälliger als dieser engherzige, nur für das eigene Ich sorgende Geist. Er kann nicht mit denen wirken, welche diese Eigenschaft bekunden.

Sie sind dem Wirken seines Geistes nicht zugänglich.



Die Juden waren zuerst in den Weinberg des HERRn berufen worden und waren aus diesem Grunde stolz und selbstgerecht. Sie dachten, daß ihre langjährige Dienstzeit sie zu einer größeren Belohnung berechtige, als andere empfangen würden.

Nichts erbitterte sie mehr als eine Andeutung, daß die Heiden die gleichen Vorrechte in bezug auf göttliche Dinge genießen würden, wie sie selbst.

Christus warnte die Jünger, die zuerst zu seiner Nachfolge berufen worden waren, damit nicht dasselbe Übel unter ihnen genährt werde.

Er sah, daß der Geist der Selbstgerechtigkeit die Ursache der Schwäche und der Fluch der Gemeinde sein werde.

Die Menschen würden denken, daß sie etwas tun könnten, um sich einen Platz im Himmelreiche zu verdienen. Sie würden sich einbilden, daß wenn sie gewisse Fortschritte gemacht hätten, der Herr ihnen zu Hilfe kommen würde, und so würde dann viel vom eigenen Ich und wenig von Jesu da sein.

Viele, die geringe Fortschritte gemacht hätten, würden aufgeblasen sein und sich für höher und besser als andere halten. Sie würden sich gern schmeicheln lassen und eifersüchtig und neidisch sein, wenn man sie nicht für die Wichtigsten hielt.

Vor dieser Gefahr suchte Jesus seine Jünger zu warnen.

Es ist nicht recht, uns irgend eines Verdienstes zu rühmen, als wäre es in uns selbst. „Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums; sondern wer sich rühmen will, der rühme sich des, daß er mich wisse und kenne, daß ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übet auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“ Jeremia 9,23.24.



Die Belohnung wird uns nicht wegen unserer Werke zuteil, damit sich nicht jemand rühme, sondern sie wird uns einzig und allein aus Gnade gegeben.

„Was sagen wir denn von unserm Vater Abraham, daß er gefunden habe nach dem Fleisch?

Das sagen wir: Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die Schrift? Abraham hat Gott geglaubet und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.

Dem aber, der mit Werken umgehet, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. Dem aber, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.“ Römer 4,1-5.


Deshalb hat niemand Ursache sich über einen anderen zu erheben, oder irgend jemand etwas zu mißgönnen.

Keiner hat ein größeres Vorrecht als ein anderer und niemand kann die Belohnung als ein ihm zukommendes Recht beanspruchen.

Die Ersten und die Letzten sollen Teilnehmer an der großen ewigen Belohnung sein und die Ersten sollen die Letzten freudig bewillkommnen. Ein Mensch, der einem anderen die Belohnung mißgönnt, vergißt, daß er selbst einzig und allein aus Gnade gerettet wird.

Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberge werden Eifersucht und alles Argwöhnen getadelt. Die Liebe freut sich der Wahrheit und stellt keine neidischen Vergleiche an. Wer Liebe hat, stellt nur zwischen seinem unvollkommenen Charakter und der großen Liebe Christi einen Vergleich an.



Dies Gleichnis enthält eine Warnung für alle Arbeiter, gleichviel wie lange sie gedient und wie viel sie gearbeitet haben, daß sie ohne Liebe zu ihren Brüdern und ohne wahre Demut vor Gott nichts sind.

Die Selbsterhebung ist keine Religion.

Ein Mensch, dessen Ziel und Zweck Selbstverherrlichung ist, wird jene Gnade ermangeln, die allein ihn im Dienst Christi erfolgreich und wirksam machen kann. Wo Stolz und Selbstgefälligkeit genährt werden, da leidet das Werk. Nicht die Länge der Arbeitszeit, sondern die Willigkeit und Treue im Werk sieht Gott an.

In all unserem Dienen fordert er eine völlige Übergabe des eigenen Ich.

Die kleinste in Aufrichtigkeit, in Selbstvergessenheit verrichtete Pflicht ist Gott angenehmer als das größte Werk, wenn Spuren der Selbstsucht darin zu entdecken sind.

Er sieht darnach, ob wir auf den Geist Christi achten und wie viel Ähnlichkeit mit Christo wir in unserem Wirken offenbaren.

Er sieht mehr auf die Liebe und Treue, mit der wir arbeiten, als darauf, wie viel wir tun.

Nur dann, wenn die Selbstsucht tot und das Streben nach Oberherrschaft gänzlich verdrängt ist, wenn Dankbarkeit das Herz erfüllt und die Liebe das Leben würzt, nur dann wohnt Christus in der Seele und wir werden als Mitarbeiter Gottes anerkannt.


Wie anstrengend die Arbeit auch sein mag, so betrachten die wahren Arbeiter sie nicht als eine schwere Plackerei. Sie sind bereit, zu geben, ja sich selbst aufzuopfern, aber alles mit einem frohen, freudigen Herzen.

Die Freude in Gott wird durch Jesum Christum ausgedrückt.

Ihre Freude ist die Freude, die Christus hatte, „daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ Johannes 4,34.



Sie sind Mitarbeiter des Hern der Herrlichkeit.

Dieser Gedanke versüßt alle Arbeit, stärkt den Willen und kräftigt den Geist für alles, was hereinbrechen mag.

Dadurch, daß sie mit selbstlosem Herzen wirken, als Teilnehmer der Leiden Christi veredelt werden, sein Mitgefühl mit ihm teilen und mit ihm zusammen arbeiten, tragen sie dazu bei, seine Freude zu erhöhen und seinem hehren Namen Ehre und Preis darzubringen.

Dies ist der Geist, der allem wahren Dienst für Gott zugrunde liegt.

In der Ermangelung dieses Geistes werden viele, welche die Ersten zu sein scheinen, die Letzten werden, wogegen die, welche ihn besitzen, obgleich als die Letzten betrachtet, die Ersten sein werden.


Es gibt viele Menschen, die sich Christo geweiht haben und dennoch keine Gelegenheit finden, ein großes Werk zu tun oder in seinem Dienst große Opfer zu bringen.

Diese mögen Trost finden in dem Gedanken, daß man nicht notwendigerweise ein Märtyrer zu sein braucht, um Gott am meisten zu gefallen; es ist nicht gesagt, daß der Missionar, der täglich der Gefahr und dem Tode ausgesetzt war, den besten Bericht in den Himmelsbüchern hat.

Der Christ, der sich als solcher beweist in seinem Privatleben, in der täglichen Übergabe des eigenen Ich, in der Aufrichtigkeit seiner Absichten und der Reinheit der Gedanken, in Sanftmut, wenn er gereizt wird, in Glauben und Frömmigkeit, in Treue im Geringsten, der im Familienleben den Charakter Christi darstellt, der mag in den Augen Gottes köstlicher sein, als der viel gerühmte Missionar oder der Märtyrer.



O, wie verschieden ist doch der Maßstab, nach welchem Gott den Charakter mißt, von dem, nach dem wir messen!

Gott sieht, wie vielen Versuchungen widerstanden wird, von denen die Welt und selbst nahe Freunde nichts wissen, Versuchungen in der Familie und im Herzen.

Er sieht die Demütigung der Seele angesichts ihrer eigenen Schwäche, die aufrichtige Reue, die selbst über einen bösen Gedanken gefühlt wird.

Er sieht die volle Hingabe des Herzens zu seinem Dienst.

Er hat die Stunden der schweren Kämpfe mit dem eigenen Ich beachtet, Kämpfe, die den Sieg davontrugen.

Alles dies wissen Gott und die Engel.

Ein Denkzettel oder Gedächtnisbuch ist vor ihm geschrieben für alle, die den HERRN fürchten und an seinen Namen gedenken.

Das Geheimnis des Erfolges liegt nicht in unserer Gelehrsamkeit, nicht in unserer Stellung, nicht in unserer Anzahl oder in den uns anvertrauten Talenten, nicht im Willen der Menschen.

Wenn wir unsere Unfähigkeit fühlen, müssen wir auf Christum schauen und durch ihn, der die Kraft aller Kräfte, der Gedanke aller Gedanken ist, wird der Willige und Gehorsame Sieg auf Sieg gewinnen.

Wie kurz auch unsere Dienstzeit, oder wie gering auch unsere Arbeit sein mag, so werden wir, wenn wir im einfältigen Glauben Christo folgen, die Belohnung nicht verlieren.

Das, was selbst die Größten und Weisesten nicht verdienen können, kann der Schwächste und Geringste erhalten.

Die goldene Pforte des Himmels öffnet sich nicht für die, die sich selbst erhöhen; den Stolzen gewährt sie keinen Zutritt.

Aber die ewigen Portale werden sich bei der zitternden Berührung eines kleinen Kindes weit öffnen. Herrlich wird der Gnadenlohn derer sein, die in der Einfältigkeit des Glaubens und der Liebe für Gott gewirkt haben.


Christi Gleichnisse

Kapitel 28:

Der Gnadenlohn

Auf der Grundlage von Matthäus 19,16-30; Matthäus 20,1-16;

Matthäus 10,17-31; Lukas 18,18-30.

 

Ellen G. White – Eine Prophetin Gottes

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