Wer ist denn mein Nächster?



Christi Gleichnisse

Kapitel 27:

„Wer ist denn mein Nächster?“

Auf der Grundlage von Lukas 10,25-27.


Unter den Juden verursachte die Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ endlose Erörterungen. Sie hegten keinen Zweifel betreffs der Heiden und der Samariter. Diese waren Fremdlinge und Feinde.

Aber wo sollte die Scheidelinie unter den Angehörigen ihres eigenen Volkes, wo unter den verschiedenen Gesellschaftsklassen gezogen werden?

Wen sollte der Priester, der Rabbiner, der Älteste als Nächsten betrachten?

Sie brachten ihr Leben in einer Runde von Zeremonien zu, um sich rein zu machen. Die Berührung mit der unwissenden und achtlosen Menge würde, so lehrten sie, eine Befleckung verursachen, die schwer zu beseitigen sei. Sollten sie die „Unreinen“ als ihre Nächsten betrachten?


Diese Frage beantwortete Christus im Gleichnis von dem barmherzigen Samariter. Er zeigte, daß mit unserem Nächsten nicht nur jemand gemeint ist, der mit uns derselben Gemeinde angehört, oder denselben Glauben hat, den wir haben.

Es ist hier keine Rede von einem Rassen-, Farben- oder Klassenunterschied; sondern eine jede Person, die unserer Hilfe bedarf, ist unser Nächster. Eine jede vom Widersacher verwundete und zerschlagene Seele ist unser Nächster. Unser Nächster ist ein jeder, der Gottes Eigentum ist.


Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wurde durch eine Frage veranlaßt, welche ein Schriftgelehrter an Christum richtete.

Als der Heiland lehrte, „stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?“

Die Pharisäer hatten den Schriftgelehrten veranlaßt, diese Frage zu stellen und zwar in der Hoffnung, daß sie Christum in seinen Worten fangen möchten, und so lauschten sie denn begierig seiner Antwort.

Aber der Heiland ließ sich in keine Streitfrage mit ihnen ein.

Er ließ sich die Antwort von dem Fragesteller selbst geben. „Wie stehet im Gesetz geschrieben?“ fragte er, „wie liesest du?“



Die Juden beschuldigten Jesum immer noch, es mit dem auf Sinai gegebenen Gesetz leicht zu nehmen; Jesus aber machte die Frage der Seligkeit vom Halten der Gebote abhängig.

Der Schriftgelehrte sagte: „Du sollst Gott, deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte, und deinen Nächsten als dich selbst.“ „Du hast recht geantwortet,“ sagte Christus, „tue das, so wirst du leben.“


Der Schriftgelehrte war mit der Stellungnahme und den Werken der Pharisäer nicht zufrieden. Er hatte in der Schrift mit dem Wunsche geforscht, die wirkliche Bedeutung derselben kennen zu lernen. Es lag ihm am Herzen und deshalb fragte er in voller Aufrichtigkeit:

„Was muß ich tun?“

In seiner Antwort betreffs der Anforderungen, die das Gesetz stellt, überging er die vielen zeremoniellen und rituellen Vorschriften. Diesen legte er keinen Wert bei, sondern führte die zwei großen Grundsätze an, in denen das ganze Gesetz und die Propheten zusammengefaßt sind. Durch die Billigung dieser Antwort gewann der Heiland einen Vorteil bei den Rabbinern.

Sie konnten ihn nicht tadeln, weil er etwas billigte, was von einem Ausleger des Gesetzes gesagt worden war.

„Tue das, so wirst du leben,“ sagte Christus.

Er stellte in seinen Lehren das Gesetz immer als ein göttliches Ganzes hin und zeigte, daß es unmöglich sei, ein Gebot desselben zu halten und ein anderes zu übertreten, weil alle von demselben Grundsatze ausgehen. Des Menschen Schicksal wird durch seinen Gehorsam gegen das ganze Gesetz bestimmt.



Christus wußte, daß niemand das Gesetz in seiner eigenen Kraft erfüllen konnte. Er wünschte den Schriftgelehrten zu einem eingehenden und genauen Forschen anzuregen, damit er die Wahrheit finden möchte.

Nur indem wir die Kraft und Gnade Christi annehmen, können wir das Gesetz halten. Der Glaube an die Versöhnung für die Sünde befähigt den gefallenen Menschen, Gott von ganzem Herzen und seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben.

Der Schriftgelehrte wußte, daß er weder die ersten vier noch die letzten sechs Gebote gehalten hatte. Er wurde durch die Worte Christi überführt; aber anstatt seine Sünde zu bekennen, suchte er sich zu entschuldigen.

Lieber als die Wahrheit anzuerkennen, versuchte er zu zeigen, wie schwierig die Erfüllung des Gesetzes sei. In dieser Weise hoffte er, der Überführung auszuweichen und sich in den Augen des Volkes zu rechtfertigen. Des Heilandes Worte hatten ihm gezeigt, daß seine Frage nutzlos war, da er sie ja selbst beantworten konnte. Dennoch richtete er eine andere Frage an ihn und sagte; „Wer ist denn mein Nächster?“


Wiederum weigerte sich Christus, in eine Streitfrage hineingezogen zu werden. Er beantwortete die Frage, indem er ein Vorkommnis erzählte, das noch frisch im Gedächtnis seiner Zuhörer war. „Es war ein Mensch,“ sagte er, „der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon, und ließen ihn halbtot liegen.“



Der von Jerusalem nach Jericho Reisende mußte einen Teil der Wüste Judäas durchwandern. Der Weg führte durch eine wilde, felsige Bergschlucht, in welcher Räuber hausten, und die oft der Schauplatz von Gewalttaten war.

Hier wurde der Reisende angegriffen, aller seiner Wertsachen beraubt und halbtot am Wege liegen gelassen.

Während er in dieser Verfassung dalag, kam ein Priester des Weges; er sah den Mann verwundet daliegen und sich in seinem Blute wälzen, aber er ließ ihn liegen, ohne ihm Hilfe zu leisten. „Da er ihn sah, ging er vorüber.“

Dann kam ein Levit des Weges. Neugierig zu erfahren, was geschehen sei, hielt er an und blickte auf den Leidenden. Er wußte recht gut, was er tun sollte, aber es war keine angenehme Pflicht. Er wünschte, daß er nicht des Weges gekommen wäre und den verwundeten, mißhandelten Mann nicht gesehen hätte. Er redete sich selbst ein, daß die Sache ihn nichts angehe und „ging vorüber“.


Aber jetzt kam ein Samariter desselben Weges entlang und als er den Leidenden sah, verrichtete er das Werk, welches die anderen nicht hatten tun wollen.

In Liebe und Güte diente er dem verwundeten Manne.

„Da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein. Des andern Tages reiste er und zog heraus zwei Groschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir‘s bezahlen, wenn ich wiederkomme.“


Der Priester und der Levit gaben sich beide für fromm aus; aber der Samariter zeigte, daß er wahrhaft bekehrt war. Es war für ihn nicht angenehmer, den Dienst auszuüben als für den Priester und den Leviten, aber er bewies in Sinn und Tat, daß er im Einklang mit Gott war.

Jesus führte hier die Grundsätze des Gesetzes in einer direkten kraftvollen Weise vor und zeigte seinen Zuhörern, daß sie es vernachlässigt hatten, diese Grundsätze auszuleben. Seine Worte waren so bestimmt und treffend, daß die Zuhörer keine Gelegenheit fanden, verfängliche Einwürfe zu machen.

Der Schriftgelehrte fand an dem Gesagten nichts auszusetzen. Sein Vorurteil in bezug auf Christum war beseitigt. Aber er hatte seine nationale Abneigung noch nicht genügend überwunden, um freimütig zu erklären, daß der Samariter am edelsten gehandelt habe. Als Christus ihn fragte:

„Welcher dünkt dich, der unter diesen dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war?“ Da antwortete er: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat.“ „Da sprach Jesus zu ihm: So gehe hin und tu desgleichen.“ Zeige denen, die in Not sind, gleiche Liebe und Güte. Dadurch wirst du den Beweis geben, daß du das ganze Gesetz hältst.



Der große Unterschied zwischen den Juden und den Samaritern war ein Unterschied in ihrem Glauben, nämlich betreffs der Frage, worin die wahre Anbetung Gottes bestehe.

Die Pharisäer sagten nichts Gutes über die Samariter, sondern überhäuften sie mit den bittersten Flüchen. So groß war die gegenseitige Abneigung zwischen den Juden und den Samaritern, daß es dem samaritischen Weibe befremdlich schien, daß Christus sie um einen Trunk Wassers bat.

„Wie bittest du von mir zu trinken,“ sagte sie, „so du ein Jude bist, und ich ein samaritisch Weib?“

„Denn,“ fügt der Evangelist hinzu, „die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.“ Johannes 4,9.


Und als die Juden so mit tödlichem Haß gegen Christum erfüllt waren, daß sie sich im Tempel erhoben, um ihn zu steinigen, da konnten sie keine passenderen Worte finden, um ihren Haß auszudrücken, als: „Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist, und hast den Teufel?“ Johannes 8,48.


Dennoch vernachlässigten der Priester und der Levit gerade das Werk, welches Gott ihnen aufgetragen hatte, und überließen es einem gehaßten und verachteten Samariter, einem ihrer eigenen Landsleute zu dienen.


Der Samariter hatte das Gebot erfüllt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst,“ und dadurch gezeigt, daß er gerechter war als jene, die ihn verdammten. Sein eigenes Leben wagend, hatte er den verwundeten Mann wie seinen Bruder behandelt. Dieser Samariter stellt Christum dar.

Unser Heiland hat für uns eine solche Liebe offenbart, der die Liebe eines Menschen nie gleich kommen kann. Als wir zerschlagen und am Sterben waren, hatte er Mitleid mit uns. Er ging nicht an uns vorüber und ließ uns nicht hilflos und hoffnungslos umkommen. Er blieb nicht in seinem heiligen, glücklichen Heim, wo er von allen himmlischen Heerscharen geliebt wurde. Er sah unsere große Not, nahm sich unserer Sache an und verband sein eigenes Wohl eng mit dem der Menschheit. Er starb, um seine Feinde zu retten. Er betete für seine Mörder und auf sein eigenes Beispiel hinweisend, sagte er zu seinen Nachfolgern: „Das gebiete ich euch, daß ihr euch untereinander liebet.“ Johannes 15,17.



Der Priester und der Levit waren der Anordnung Gottes gemäß im Tempel gewesen, um dort anzubeten. An diesem Dienst teilzunehmen, war ein großes und erhabenes Vorrecht, und der Priester und der Levit fühlten, daß, wenn Gott sie in dieser Weise ehrte, es unter ihrer Würde sei, einem unbekannten Leidenden am Wege zu dienen. So kam es, daß sie die besondere Gelegenheit, die Gott ihnen als seinen Werkzeugen gab, einem Mitmenschen zum Segen zu sein, vernachlässigten.


Viele machen auch heute einen ähnlichen Fehler. Sie teilen ihre Pflichten in zwei verschiedene Klassen ein; die eine Klasse enthält große Pflichten, die im Gehorsam gegen das Gesetz Gottes getan werden müssen; die andere Klasse besteht aus sogenannten kleinen Dingen, unter denen das Gebot „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst,“ ganz übersehen wird.

Die Erfüllung dieser Pflichten hängt von der Laune ab, die wiederum den Neigungen und Antrieben unterworfen ist. Dadurch leidet der Charakter Schaden und die Religion Christi wird falsch dargestellt.



Viele glauben, daß ihrer Würde Abbruch getan würde, wenn sie der leidenden Menschheit dienten.

Viele blicken mit Gleichgültigkeit und Verachtung auf solche, die den Seelentempel ruiniert haben.

Andere vernachlässigen die Armen aus anderen Beweggründen.

Sie sind, wie sie glauben, im Werke Christi tätig und versuchen irgend ein würdiges Unternehmen aufzubauen. Sie meinen, daß sie ein großes Werk tun und deshalb nicht innehalten können, um den Armen und Bedürftigen Beachtung zu schenken.

Ja, es mag sogar vorkommen, daß sie in der Förderung ihres vorgeblichen großen Werkes die Armen unterdrücken. Sie bringen sie vielleicht in schwierige Verhältnisse, berauben sie ihrer Rechte oder vernachlässigen ihre Bedürfnisse. Dennoch glauben sie, daß alles dies zu rechtfertigen ist, weil sie ja, wie sie behaupten, das Werk Christi fördern.

Viele lassen einen Bruder oder Nachbar gegen widrige Umstände ankämpfen, ohne ihm zu helfen.

Weil sie behaupten, Christen zu sein, mag dieser veranlaßt werden zu denken, daß sie in ihrer kalten Selbstsucht Christum darstellen. Weil vorgebliche Knechte des Herrn nicht seine Mitarbeiter sind, wird die Liebe Gottes, die von ihnen ausfließen sollte, in einem hohen Grade von ihren Mitmenschen ferngehalten und viele Lob- und Danksagungen, die von Menschenherzen und -lippen zu Gott emporsteigen sollten, werden im Keim erstickt.

Gott wird der Ehre und Verherrlichung, die seinem heiligen Namen gebühren, beraubt. Er wird der Seelen beraubt, für die Christus starb, Seelen, die er gern in sein Reich bringen möchte, um dort durch die endlosen Zeitalter der Ewigkeit hindurch in seiner Gegenwart zu wohnen.



Die göttliche Wahrheit hat wenig Einfluß auf die Welt, und sollte doch, wenn sie praktisch in unserem Leben verwertet wird, viel Einfluß ausüben.

Allenthalben bekennt man die Religion dem Namen nach, aber sie hat wenig Wert. Wir mögen vorgeben, Nachfolger Christi zu sein, mögen behaupten, eine jede im Worte Gottes enthaltene Wahrheit zu glauben, aber das wird unserem Nächsten nichts nützen, wenn unser Glaube nicht in unser tägliches Leben hineingebracht wird.

Unser Bekenntnis mag himmelhoch sein, aber es wird weder uns, noch unsere Mitmenschen selig machen, wenn wir nicht Christen sind. Ein richtiges Beispiel wird der Welt mehr nützen als alle unsere Bekenntnisse.


Christi Sache kann durch kein selbstsüchtiges Leben gefördert werden. Seine Sache ist die Sache der Bedrückten und der Armen. In den Herzen seiner vorgeblichen Nachfolger muß mehr von dem innigen Mitgefühl Christi sein, eine tiefere Liebe für die, welche er so hoch geschätzt hat, daß er sein eigenes Leben zu ihrer Rettung dahingab.

Diese Seelen sind köstlich, unendlich viel köstlicher als irgend eine andere Opfergabe, die wir Gott darbringen können. Alle Kraft auf irgend ein anscheinend großes Werk zu verwenden und dabei die Bedürftigen vernachlässigen oder dem Fremdling sein Recht schmälern, ist ein Dienst, der nicht das Wohlgefallen Gottes hat.

Die Heiligung der Seele durch das Wirken des heiligen Geistes ist das Einpflanzen der Natur Christi in die Menschheit. Die Evangeliumsreligion ist Christus im Leben, ein tätiges Lebenselement.

Es ist die im Charakter und in guten Werken offenbarte Gnade Christi.

Die Grundsätze des Evangeliums können von keinem Teil des täglichen Lebens getrennt werden. Ein jeder Zweig christlicher Erfahrung und christlichen Wirkens soll eine Darstellung des Lebens Christi sein.



Die Liebe ist die Grundlage der Gottseligkeit. Was auch das Bekenntnis sein mag, so hat doch niemand reine, wahre Liebe zu Gott, wenn er nicht eine selbstlose Liebe zu seinem Bruder hat. Aber diese Liebe können wir niemals dadurch erlangen, daß wir versuchen, andere zu lieben.

Was uns not tut, ist die Liebe Christi im Herzen zu haben.

Wenn das eigene Ich in Christo aufgeht, dann fließt die Liebe Christi von selbst unwillkürlich hervor.

Die Vollkommenheit des christlichen Charakters wird erreicht, wenn das Verlangen, anderen zu helfen und ihnen zum Segen zu sein, beständig in uns wach ist, wenn der Sonnenschein des Himmels das Herz erfüllt und in unserem Antlitz sich offenbart.


Es ist nicht möglich, daß ein Herz, in dem Christus wohnt, liebeleer ist.

Wenn wir Gott lieben, weil er uns zuerst geliebt hat, werden wir alle lieben, für die Christus gestorben ist.

Wir können nicht in Berührung mit der Gottheit kommen, ohne gleichzeitig in Berührung mit der Menschheit zu kommen, denn in ihm, der auf dem Throne des Weltalls sitzt, sind Gottheit und Menschheit vereint.

Sind wir mit Christo verbunden, so sind wir auch durch die goldenen Glieder der Liebeskette mit unseren Mitmenschen verbunden. Dann werden das Mitleid und die Barmherzigkeit Christi sich in unserem Leben bekunden.

Wir werden nicht warten, bis die Bedürftigen und Unglücklichen zu uns gebracht werden; man braucht nicht erst unser Herz weich zu stimmen für das Leid anderer.

Es wird ebenso natürlich für uns sein, den Bedürftigen und Leidenden zu dienen, wie es für Christum war, umherzugehen und Gutes zu tun.

Überall wo Liebe und Mitleid sich kundtun, wo das Herz anderen zum Segen wird und sie beglückt, offenbart sich das Wirken des Geistes Gottes.


Inmitten der Tiefen des Heidentums sind Menschen, die nichts vom geschriebenen Gesetze Gottes wußten und selbst den Namen Christi nie gehört hatten, freundlich und liebevoll gegen Christi Jünger gewesen und haben sie mit Gefahr ihres eignen Lebens beschützt. Solche Handlungen bekunden das Wirken göttlicher Kraft.

Der heilige Geist hat die Gnade Christi in das Herz der Wilden gepflanzt und gegen ihre Natur und die ihnen zuteil gewordene Erziehung, ihr Mitgefühl erweckt.

Das „wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in die Welt kommen“ (Johannes 1,9), scheint in ihre Seele hinein, und dies Licht wird, wenn sie demselben folgen, ihre Füße zum Reiche Gottes führen.

Die Herrlichkeit des Himmels zeigt sich in dem Bestreben, den Gefallenen aufzuhelfen und die Betrübten zu trösten; und wo Christus in menschlichen Herzen wohnt, da wird er in derselben Weise offenbar werden. Überall, wo die Religion Christi tätig ist, da wird sie Segen bringen; überall wo sie wirkt, wird sie Licht verbreiten.



Vor Gott gilt kein Unterschied der Nationalität, Rasse oder Klasse.

Er ist der Schöpfer des ganzen Menschengeschlechts.

Alle Menschen bilden durch die Schöpfung eine Familie und sind eins durch die Erlösung.

Christus kam, um jeden trennenden Zaun, jede Scheidewand fortzunehmen und eine jede Abteilung des Tempels zu öffnen, so daß eine jede Seele freien Zutritt zu Gott haben kann.

Seine Liebe ist so weitgehend, so tief, so umfassend, daß sie alles durchdringt.

Sie hebt die armen Seelen, die durch Satans Täuschungen betört worden sind, außerhalb dessen Bereich und bringt sie in eine erreichbare Nähe des Thrones Gottes, des Thrones, der von dem Bogen der Verheißung umgeben ist.

In Christo ist weder Jude noch Grieche, Knecht oder Freier. Alle sind durch sein teures Blut nahegebracht. Galater 3,28.


Welcher Religionsunterschied auch bestehen mag, ein Ruf von der leidenden Menschheit muß stets gehört und beachtet werden.

Wo wegen Religionsverschiedenheiten bittere Gefühle bestehen, kann durch persönliche Dienstleistung viel Gutes getan werden. Liebendes Dienen wird das Vorurteil wegnehmen und Seelen für Gott gewinnen.


Wir sollten ein Herz für die Sorgen, Schwierigkeiten und Kümmernisse anderer haben. Wir sollten an den Freuden und Leiden von hoch und niedrig, reich und arm teilnehmen. „Umsonst habt ihr‘s empfangen,“ sagte Christus, „umsonst gebt es auch.“ Matthäus 10,8.



Überall um uns herum sind arme, bedrückte Seelen, die mitfühlender Worte und hilfreicher Handlungen bedürfen. Es gibt Witwen, die der Teilnahme, des Beistandes bedürfen; Waisenkinder, die nach dem Gebot des Meisters von den Nachfolgern Christi als ein von Gott anvertrautes Vermächtnis in Obhut genommen werden sollen.

Nur zu oft werden sie unbeachtet gelassen. Sie mögen zerlumpt, roh und anscheinend in jeder Hinsicht wenig versprechend sein, aber dennoch sind sie das Eigentum Gottes. Sie sind mit einem großen Preis erkauft und in seinen Augen so köstlich wie wir. Sie sind Glieder der großen Familie Gottes, und Christen sind als seine Haushalter verantwortlich für sie. „Ihre Seelen,“ sagt er, „will ich von deiner Hand fordern.“


Die Sünde ist das größte aller Übel und wir sollten den Sünder bemitleiden und ihm helfen. Alle können natürlich nicht in derselben Weise erreicht werden.

Es gibt viele, die ihren Seelenhunger verbergen. Ihnen würde ein liebevolles Wort, oder eine Tat, die ihnen zeigt, daß man ihrer gedenkt, eine große Hilfe sein.

Andere sind in der größten Bedrängnis, ohne es zu wissen; sie erkennen ihren schrecklichen Seelenzustand nicht.

Viele sind so tief in Sünde versunken, daß sie alles Gefühl und Verständnis für ewige Dinge, daß sie die Gottähnlichkeit verloren haben und kaum wissen, ob sie Seelen haben, die errettet werden können oder nicht.

Sie haben weder Glauben an Gott, noch Zutrauen zu Menschen. Viele von diesen können nur durch selbstlose, liebevolle Handlungen erreicht werden; für ihre leiblichen Bedürfnisse muß zuerst gesorgt werden. Sie müssen gespeist, gereinigt und anständig gekleidet werden. Wenn sie die Beweise der selbstlosen Liebe sehen, wird es ihnen leichter sein, an die Liebe Christi zu glauben.



Es gibt viele, die fehlen und ihre Schande und ihre Torheit fühlen. Sie blicken auf ihre Fehler und Mißgriffe, bis sie an den Rand der Verzweiflung getrieben werden. Solche Seelen dürfen wir nicht vernachlässigen.

Wenn jemand gegen den Strom schwimmen muß, so drängt ihn die ganze Kraft des Stromes zurück. Man sollte ihm eine hilfreiche Hand entgegenstrecken, wie dem sinkenden Petrus die Hand des älteren Bruders, die Hand Christi, dargereicht wurde. Redet hoffnungsvolle, aufmunternde Worte, Worte, die Zuversicht und Vertrauen anfachen und Liebe erwecken.

Dein geistlich leidender, kranker Bruder bedarf deiner, wie du selbst eines Bruders Liebe bedürftig warst. Er bedarf jemandes Erfahrung, der so schwach gewesen ist, wie er es jetzt ist; er bedarf jemand, der mit ihm fühlen und ihm helfen kann. Die Erkenntnis unserer eigenen Schwäche sollte uns veranlassen, einem anderen in seiner bitteren Not zu helfen. Wir sollten niemals an einer leidenden Seele vorübergehen, ohne zu versuchen, ihr den Trost zu geben, mit dem wir selbst von Gott getröstet worden sind.



Gemeinschaft mit Christo, persönliche Berührung mit einem lebendigen Heiland, befähigt Gemüt, Herz und Seele, über die niedrige Natur zu triumphieren.

Erzählt dem verirrten Wanderer von einer allmächtigen Hand, die ihn aufrecht erhalten wird, von der unendlichen Menschenliebe Christi, die auch mit ihm fühlt.

Es genügt nicht, daß er an das Dasein eines Gesetzes und einer Gewalt glaubt, an etwas, das kein Mitleid mit ihm haben und den Hilferuf der menschlichen Seele nicht hören kann.

Er muß eine warme Hand drücken, einem liebevollen Herzen vertrauen können.

Helft ihm an dem Gedanken festzuhalten, daß Gott ihm immer zur Seite ist und immer mit mitleidsvoller Liebe auf ihn blickt.

Lehrt ihn an ein Vaterherz zu denken, das immer über Sünde trauert; an eine Vaterhand, die sich beständig nach ihm ausstreckt; an eines Vaters Stimme, die versichert, daß er ihn bei seiner Kraft erhalten und ihm Frieden schaffen wird. Jesaja 27,5.


Wenn ihr so wirkt, dann habt ihr Begleiter, die von menschlichen Augen nicht gesehen werden. Engel vom Himmel waren an der Seite des Samariters, der für den mißhandelten, verwundeten Fremdling sorgte, und Boten aus den himmlischen Höfen stehen allen zur Seite, die Gott dadurch dienen, daß sie ihren Mitmenschen helfen; Christus selbst ist ihr Mitarbeiter. Er ist der Heiler und unter seiner Leitung werdet ihr große Resultate erzielen.


Von der Treue in diesem Werke hängt nicht nur die Wohlfahrt anderer, sondern auch unser eigenes, ewiges Schicksal ab.

Christus versucht alle zur Gemeinschaft mit sich zu erheben, damit sie eins mit ihm sein möchten, wie er eins mit dem Vater ist.

Er läßt uns mit Leiden und Unglück in Berührung kommen, um uns aus unserer Selbstsucht aufzurütteln.

Er will seine Charaktereigenschaften, Mitleid, Erbarmen und Liebe, in uns entwickeln. Indem wir, wie er, anderen dienen, begeben wir uns in seine Schule, um für das Himmelreich geschickt gemacht zu werden; unterlassen wir aber dies Werk, so verwerfen wir seine Belehrungen und wählen die ewige Trennung von seiner Gegenwart.

„Wirst du in meinen Wegen wandeln und meiner Hut warten,“ erklärt der HERR, so will ich „dir geben von diesen, die hier stehen, daß sie dich geleiten sollen“ (Sacharja 3,7), nämlich von den Engeln, die seinen Thron umgeben.



Indem wir die Mitarbeiter himmlischer Wesen in ihrem Werke auf Erden werden, bereiten wir uns vor für ihre Gesellschaft im Himmel.

Als „dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit“ (Hebräer 1,14), werden Engel im Himmel diejenigen bewillkommnen, die auf Erden nicht gelebt haben, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen. Matthäus 20,28.

In dieser seligen Gemeinschaft werden wir zu unsrer ewigen Freude erfahren, was alles in der Frage eingeschlossen ist: „Wer ist denn mein Nächster?“


Christi Gleichnisse

Kapitel 27: „Wer ist denn mein Nächster?“

Auf der Grundlage von Lukas 10,25-27.

 

 

Ellen G. White – Eine Prophetin Gottes

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