Anhang 2

„Scheol“ – Hölle oder Grab


Das Wort Scheol, das im Alten Testament 56mal vorkommt, wurde in der Lutherbibel und in andern älteren Übersetzungen häufig mit „Hölle“ wiedergegeben.

Die neueren Übersetzungen geben Scheol gewöhnlich nicht mehr mit „Hölle“ wieder. Einige Beispiele können zeigen, was unter Scheol zu verstehen ist.

Jakob sprach in seinem Kummer über den Verlust seines Sohnes Joseph:

Ich werde mit Leid hinunterfahren zu den Toten [Scheol] zu meinem Sohn“
(
1.Mose 37:35.)

 

Man bedenke:

Wenn Scheol wirklich die Hölle bedeutete, dann hätte Jakob erwartet, in die Hölle zu kommen und dass sein frommer Sohn Joseph bereits dort sei!

An folgenden Stellen wird Scheol ebenfalls als Ort der Toten bezeichnet:
1.Mose 42:38; 44:29-31.

 

Sehr beachtenswert ist auch Pred. 9:10:

Alles was du zu tun vermagst mit deiner Kraft, das tue; denn es gibt weder Tun noch Überlegung noch Kenntnis noch Weisheit im Scheol, wohin du gehst.“
(Elberf. Übers.)

 

Unmissverständlich klar ist auch die Aussage Hesekiels über den Scheol:

Dort ist Mesech-Tubal und seine ganze Menge; rings um ihn her ihre Gräber. Sie alle, unbeschnitten, sind vom Schwert erschlagen, weil sie ihren Schrecken verbreiteten im Lande der Lebendigen. Und sie liegen nicht bei den Helden der Unbeschnittenen, die gefallen sind, welche in den Scheol hinabfuhren mit ihren Kriegswaffen, und denen man ihre Schwerter unter ihre Häupter legte. Und ihre Missetaten sind über ihre Gebeine gekommen, weil sie ein Schrecken der Helden waren im Lande der Lebendigen.“
(
Hes. 32:26-27, Elberf. Übers.)

 

Die Stelle Ps. 49:13-16 zeigt so recht die Vergänglichkeit des stolzen Menschen.

In diesen Versen erscheint dreimal das Wort Scheol.

Nach der Elberfelder Übersetzung sind es die Verse 12-15, die dort folgenden Wortlaut haben:

Doch der Mensch, der in Ansehen ist, bleibt nicht; er gleicht dem Vieh, das vertilgt wird. Dieser ihr Weg ist ihre Torheit; und die nach ihnen kommen, haben Wohlgefallen an ihren Worten. Man legt sie in den Scheol wie Schafe, der Tod weidet sie; und am Morgen herrschen die Aufrichtigen über sie; und ihre Gestalt wird der Scheol verzehren, fern von ihrer Wohnung. Gott aber wird meine Seele erlösen von der Gewalt des Scheols; denn er wird mich aufnehmen.“

 

In den Scheol werden sie (die Ungerechten, Vers 15) gelegt wie Schafe, der Tod weidet sie. Im Scheol wird ihre Gestalt verzehrt. Die Frommen oder Gottesfürchtigen dagegen haben eine Hoffnung:

Aber Gott wird meine Seele erretten; aus der Macht des Grabes [Scheol] wird er mich erwecken.“
(LamsaÜbers.)

 

Die Hoffnung des Gottvertrauenden wird besonders deutlich aus der Übersetzung von Psalm 49:15 durch Albrecht, wo es im ersten Teil heisst:

Doch ein Morgen kommt, wo die Frommen über sie herrschen.“

 

Albrecht fragt in der Fussnote:

„Sollte hier der Auferstehungsmorgen gemeint sein?“

Und dann bejaht der zweite Teil des Verses seine Frage:

Ihr Fels zerreisst ja das Totenreich; es bleibt ihre Wohnstatt nicht.“

Dazu bemerkt er:

„Der Frommen Fels ist Gott. Hat er nicht durch Christi Auferstehung die Macht des Totenreiches gebrochen? Denn Gott führt die Seinen zu dem neuen Leben der Auferstehung  (Jes. 29:16; Dan. 12:2).

 

Scheol ist auch der Ort der untersten „Tiefe“ (5.Mose 32:22).

 

Besonders interessant dürfte auch die Nebeneinanderstellung von Tod und Scheol in Davids Lied der Errettung sein, das in 2.Sam. 22:2-51 aufgezeichnet steht.

In den Versen 5 und 6 heisst es:

Es hatten mich umfangen die Wogen des Todes, und die Fluten des Unheils erschreckten mich. Des Totenreichs [Scheol] Bande umfingen mich, und des Todes Stricke überwältigten mich.“

 

Ähnlich lautet die Stelle Jes. 28:15:

„Ihr sprecht:

Wir haben mit dem Tod einen Bund geschlossen und mit dem Totenreich [Scheol] einen Vertrag gemacht.“

Siehe auch Vers 18!

 

DieseÜbereinstimmung von Begriffen nennt man Parallelismen. Beide Male ist das gleiche gemeint, aber mit einem verschiedenen Wort bezeichnet. Es ist keine Rede von bewusstem oder halbbewusstem Weiterleben im Scheol.

Der Scheol ist das „Land des Vergessens“, der „Stille“, wo man den Herrn nicht mehr loben, wo man nicht denken und keine Taten mehr vollbringen kann.

 

Nach Hiob 17:16 ist Scheol und „im Staub liegen“ gleichbedeutend:

Hinunter zu den Toten [in den Scheol] wird sie fahren, wenn alle miteinander im Staub liegen.“

 

Der Prophet Jesaja stellt Scheol einem Bett von Gewürm gleich, also eindeutig mit dem Grab:

Deine Pracht ist herunter zu den Toten gefahren samt dem Klang deiner Harfen. Gewürm wird dein Bett sein und Würmer deine Decke.“
(
Jes. 14:11.)

 

Im Neuen Testament begegnen wir dem griechischen Wort Hades 10mal.

Hades entspricht dem hebräischen Scheol.

Diesem Wort aber hängt eine ganz gefährliche griechische Vorstellung an, denn Hades ist ja der Gott der griechischen Unterwelt.

Vielleicht ist gerade dies der Grund, warum der Apostel Paulus dieses Wort in keinem seiner Briefe verwendet, obwohl er oft genug vom Tode redet.

 

Matthäus 11:23 und Lukas 10:15 sind zwei Stellen, die beim Versuch, die Existenz einer Hölle zu beweisen, herangezogen werden.

Es heisst dort:

Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben?

Du wirst bis in die Hölle hinuntergestossen werden.

Denn so zu Sodom die Taten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, es stünde noch heutigen Tages.“

Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben?

In die Hölle [Hades] wirst du hinuntergestossen werden.“

 

Was wird hier gesagt?

In erster Linie wird die höchste Selbsterhebung der tiefsten Erniedrigung gegenübergestellt.

Aber mit „Hölle“ ist nicht das Gericht oder ein Strafort, sondern nur das Grab, der Ort der Toten gemeint.

Dies geht auch aus der Tatsache hervor, dass die Bewohner von Sodom, die schon seit vielen Jahrhunderten tot waren, noch nicht vor dem göttlichen Gericht erschienen waren.

Es war für sie nach Jesu Wort noch zukünftig:

Es wird dem Land der Sodomer erträglicher gehen am Tag des Gerichts ...“

 

Kommt das Gericht für sie – wie eben für alle Menschen – aber erst in der Zukunft,

wenn Jesus wiederkommt, dann gibt es auch erst dann ein Urteil und eine Vollstreckung desselben, entweder als Strafe oder als ewiges Heil.

 

Die Hölle“ ist also nicht ein schon bestehender Strafort.

 

Matth. 16:18 will sagen, dass der Hades (als Todesmacht dargestellt) die Gemeinde Gottes nicht verschlingen darf.

In Apg. 2:27 und 31 wird heute Hades richtig als der Ort der Toten, als das Grab bezeichnet:

Denn du wirst meine Seele nicht bei den Toten lassen, auch nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe...“

Hat er’s vorausgesehen und geredet von der Auferstehung des Christus, dass er nicht bei den Toten gelassen ist und sein Fleisch die Verwesung nicht gesehen hat.“

 

Im Hades herrscht Verwesung; denn es wird ausdrücklich betont, Gott habe es nicht zugelassen, dass Christus im Hades verwese.

Christus war also eine Ausnahme.

Den hat Gott auferweckt, nachdem er die Wehen des Todes aufgelöst hatte, wie es denn nicht möglich war, dass er von demselben behalten würde ...

Darum freute sich mein Herz, und meine Zunge frohlockte; ja, auch mein Fleisch wird in Hoffnung ruhen; denn du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen, noch zugeben, dass dein Frommer Verwesung sehe ...

und ... hat er, voraussehend, von der Auferstehung des Christus geredet, dass er nicht im Hades zurückgelassen worden ist, noch sein Fleisch die Verwesung gesehen hat.“
(
Apg. 2:24.26.27.31, Elberfelder Übersetzung.)

 

Gerade der Ausdruck „nicht zugeben, dass dein Frommer verwese“,

beweist, dass mit dem „Frommen“ die ganze Persönlichkeit gemeint ist und dass normalerweise der ganze Mensch – Christus bildet die einzige Ausnahme – im Hades der Verwesung anheimfällt.

In diesem Sinne sind auch die Stellen in der Offenbarung, wo Hades verwendet wird, leicht zu verstehen:

Jesus hat die Schlüssel des Todes und des Hades (Grabes; Offb. 1:18);

Tod und Hades (Grab) bedrohen die Menschen (Off 6:8);

Tod und Hades (Grab) geben die Toten her (Off 20:13);

und Tod und Hades (Grab und Totenreich) (Off 20:14)

werden vernichtet.

 

Sehr klar zeigt L. Reinhardt1, was mit Hades gemeint ist und nicht gemeint sein kann:

„In älterer Zeit war ,Hades‘ der Gott der Unterwelt; später aber trat Pluto an seine Stelle und das Wort bekam die Bedeutung:

Unterwelt, Grab, Tod ...

Hier ist von dem heidnischen und mittelalterlichen Nebenbegriff ‚Hölle‘ absolut nicht die Rede.

Haben die Griechen diesen oft nicht mit dem Worte ‚Hades‘ verbunden, so taten es die jüdischen Übersetzer des Alten Testamentes und die Schriftsteller des Neuen Testamentes erst recht nicht.

 

Ihnen war der Hades ebenso wie der alttestamentliche Scheol:

die Totengruft und die unter der Erde und unter dem Horizont liegende Unterwelt im eigentlichen, nicht mystischen und mythologischen Sinne.

Dass dem so war, braucht gar nicht bewiesen zu werden, da ja zudem die neutestamentlichen Stellen, wo das Wort ‚Hades‘ gebraucht wird, entweder Übersetzungen des von Jesu gebrauchten aramäischen Wortes für Scheol sind, oder von den ursprünglich aramäisch redenden und bis in ihr Alter aramäisch oder israelitisch (alttestamentlich biblisch) denkenden Aposteln herrühren.“

 

Die Griechen selbst wussten ja genau, dass ihre Beschreibungen von den Vorgängen in der Unterwelt reine Erdichtungen waren.

Dies gilt auch für Sokrates, den 470 v. Chr. in Athen geborenen Philosophen.

Er setzte die Unsterblichkeit der Seele als unumstösslich gegeben voraus.

Nach dem Tode sehen die Seelen der Gestorbenen dem Richterspruch entgegen. Sokrates schmückt dann das weitere Schicksal der Seelen phantasievoll aus.

Es geht um Reinigung, Abbüssen, Empfang des verdienten Lohnes oder der Strafe.

 

Durch Abbüssen der Schuld gibt es Erlösung.

Schwerverbrecher werden in den Tartaros gestossen, von wo sie nie wieder emporkommen.

Aus den Angaben des Sokrates lässt sich unschwer erkennen, wo Fegfeuer, endloses Verweilen im Tartaros oder ewige Höllenqualen und verwandte Lehren ihren Ursprung haben.

Die griechische Philosophie ist die Mutter dieser unbiblischen Theorien.

 

Beachten wir, was Sokrates2 selbst von seinen Erdichtungen gehalten hat :

„Das eben Dargelegte muss uns nun, mein Simmias, sicherlich zum Antrieb werden, alles aufzubieten, dass wir Tugend und vernünftige Einsicht im Leben uns zu eigen machen.

Denn herrlich ist der Preis und die Hoffnung gross.

Die unbedingte Wahrheit nun dessen, was ich dargelegt habe, behaupten zu wollen, möchte in derartigen Fragen einem vernünftig denkenden Manne nicht wohl anstehen.

Dass es aber mit unsern Seelen und ihren Wohnstätten so oder ähnlich steht, das dürfte, da ja die Unsterblichkeit der Seele über allen Zweifel erhaben ist, ein wohlberechtigter Glaube sein, wert, dass man es wagt, sich ihm hinzugeben.

Denn das Wagnis ist schön und der Geist verlangt zur Beruhigung dergleichen Vorstellungen, die wie Zaubersprüche wirken; darum verweile ich denn auch schon so lange bei dieser erdichteten Schilderung.

 

1 Reinhardt, L.: „Kennt die Bibel das Jenseits?“, S. 36. Verlag von Ernst Reinhardt, München, 1925.

2 Zitiert von Gustav Pfannmüller in „Tod, Jenseits und Unsterblichkeit“, S. 210.211. Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel, 1953.

 


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