11. Die Worte Jesu an einen der mit ihm "Gekreuzigten"


Wahrscheinlich wird kaum eine Bibelstelle so häufig als Beweis für das Fortleben des Menschen im Tode angeführt wie das Wort Jesu an einen der mit ihm Gekreuzigten. Man will mit dieser Aussage beweisen, dass der Gläubige beim Sterben sofort in den Himmel eingehe. Es ist deshalb notwendig, sich über den Sinn des Versprechens Jesu an den einen der beiden mit ihm gekreuzigten Verbrecher klar zu werden.

Der Text lautet:

Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach:
Bist du nicht der Christus?
Hilf dir selbst und uns!
Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach:
Fürchtest du dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?

Und wir zwar sind mit Recht darin, denn wir empfangen, was unsre Taten wert sind;
dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
Und er sprach:
Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!
Und Jesus sprach zu ihm:
Wahrlich, ich sage dir:
Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“

(Luk. 23:39-43.)

 

Worum bat der Schächer?

Was wünschte er sich?

Erinnere dich meiner, wenn du in deiner Königsherrschaft kommst“

oder:

Gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst.“

Dabei sein dürfen, wenn Jesus seine Königsherrschaft aufrichten oder in sein Reich kommen werde, darum ging es ihm. Und was hat dieser Mann unter der Königsherrschaft Jesu verstanden? Gewiss dasselbe, was seine jüdischen Volksgenossen unter dem Reich Gottes verstanden haben.

Matthäus spricht 31mal vom Himmelreich oder Reich Gottes. Dieses Reich war ein beliebter Gegenstand der Verkündigung Jesu. In seinen Gleichnissen beginnt er oft mit dem Satz:

Das Himmelreich ist gleich ...“

Die bedeutsame Frage nach dem Reich Gottes beschäftigte die Umgebung Jesu sehr stark:

Die aber zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen:
Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?
Er sprach aber zu ihnen:
Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde,
welche der Vater in seiner Macht bestimmt hat.“

(Apg. 1:6-7.)

Zu der jüdischen Hoffnung gehörte die Befreiung von der römischen Herrschaft und die Aufrichtung des messianischen Reiches. Dies war auch die Begründung für die Bitte des Schächers, der in Jesus den Messias erkannt hatte.

 

Was verstand Jesus unter dem Paradies?

Wenn wir diesem Ausdruck begegnen, denken wir sofort an den Garten Eden, an den ursprünglichen Zustand der ungefallenen Menschen und der Erde. Nach der Offenbarung ist das Paradies die wiederhergestellte Erde im Sinne des zu ihrem sündlosen Zustand zurückgeführten Urzustandes.

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde;
denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen,
und das Meer ist nicht mehr.
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann.
Und ich hörte eine grosse Stimme von dem Thron, die sprach:
Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!
Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein,
und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein;
und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Erste ist vergangen.“

(Offb. 21:1-4.)

 

Besonders kennzeichnend sind die Verse 1-5 im 22. Kapitel.

(Siehe auch Offb. 2:7; 22,1.2.)

Niemals hat Jesus Vorstellungen vom Königreich Gottes, wie viele heutige Christen sie sich ausmalen, verkündigt. Nie spricht er davon, dass seine Nachfolger beim Tode sofort in ein „Jenseits“ gelangten.

Sehr richtig schrieb Pastor Samuel Keller1:

1 Keller, Samuel: „Das Los der Toten“, S. 80.81. Vaterländische Verlags- und Kunstanstalt, Berlin.

„Die vulgäre Vorstellung vom ,ewigen Leben‘ ist merkwürdig genug und ihr Zustandekommen wieder nur durch den Einschlag neuplatonischer Gedanken zu erklären. Die Bibel ist daran unschuldig. Man glaubt, die Seele sei eine edle Gefangene im schmutzigen Kerker des Leibes, und sobald sie durch den Tod von ihm erlöst sei, schwinge sie sich über die Wolken, um dort in einem Seelenhimmel endlos glücklich zu sein. Allenfalls kommt noch eine etwas massivere Idee von weissen Kleidern, Palmzweigen in den Händen und goldenen Harfen hinzu, auf denen man in alle Ewigkeit Melodien spielt zur Ehre Gottes. Von einer Vergeltung nach dem Tode, von einem Ausreifen der Persönlichkeit, von einer Auferstehung, die uns Christo, dem Auferstandenen, gleich machen soll, von einem Leben auf der neuen, verklärten Erde – kein Wort. Kann man sich wundern, wenn der Spott des Unglaubens gegen solch ein Weltziel und solch ein Lebensideal in der grimmigsten Weise mobil gemacht hat!

Wo bleiben die biblischen Andeutungen über das Leben der Geretteten und die Gedanken Gottes über seine ganze Schöpfung? Wenn nur der einzelne seine private Glückseligkeit vor Augen hat, dann kann man sich über die egoistische Form seines Christentums auf Erden und die armselige Beteiligung an sozialer Arbeit oder auf dem großen Gebiet der Reichsgottesarbeit im engeren Sinn des Wortes nicht wundern!“

Wir dürfen der Zusage Jesu an den Schächer keine unbiblischen Gedanken unterschieben. Kann es stimmen, wenn übersetzt wird:

Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“?

 

Wo war denn zur Zeit Jesu das versprochene Reich Gottes auf einer neuen Erde? Es bestand ja noch gar nicht, sondern es wird erst bei der Wiederkunft Jesu aufgerichtet.

So ermahne ich dich inständig vor Gott und Christus Jesus, der da kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich.“
(2.Tim. 4:1.)

Wir beten immer noch:

Dein Reich komme.“

Ein Problem muss uns deutlich bewusst sein: Allgemein hat man sich noch nicht genügend darüber Rechenschaft gegeben, wie sehr der Einbruch der griechischen, und besonders der platonischen Philosophie, das Denken vieler Christen beeinflusst hat. Dieser Prozess ist auch nicht spurlos an den Bibelübersetzungen vorübergegangen. Das zeigt sich an der Setzung der Satzzeichen (Interpunktion) an Stellen, wo z. B. ein Komma den Sinn einer Aussage ganz entscheidend verändern, ja in ihr Gegenteil verkehren kann.

Eine solche Stelle ist Luk. 23:43. Bevor wir uns mit diesem Bibeltext beschäftigen, wollen wir anhand einiger Beispiele zeigen, wie stark durch Verschiebung der Satzzeichen der Inhalt einer Aussage betroffen wird. Zuerst einmal einen Spruch mit anders angebrachten Beistrichen:

„Alles Böse wünsch ich dir,

fern vom Leibe bleibe mir,

alles Unglück treffe dich,

niemals denk an mich.“

Es soll aber heissen:

„Alles Böse wünsch ich dir fern vom Leibe,

bleibe mir alles,

Unglück treffe dich niemals,

denk an mich.“

 

Auf dem Pult von Zar Alexander III. lag ein beschriebenes Blatt. In diesem Brief ging es um die Frage der Verurteilung eines politischen Gefangenen. Es war ein Gesuch um Begnadigung. Der Zar hatte darunter geschrieben:

„Begnadigung unmöglich, nach Sibirien zu senden.“

Es traf sich, dass die Frau des Zaren den Wortlaut dieses abgewiesenen Gesuches las. Sie hatte ein mitleidvolles Herz und sagte zu sich selber:

„Ich möchte nicht, dass dieser Mann nach Sibirien gesandt wird.“

Sie radierte das Komma nach „unmöglich“ aus; dann setzte sie ein solches vor das Wort „unmöglich“.

Nun hiess der Text:

„Begnadigung, unmöglich nach Sibirien zu senden.“

Das Schicksal dieses Mannes wurde davon bestimmt, an welcher Stelle sich das Komma befand.

 

Ein falsch gesetztes Satzzeichen

Diese Beispiele zeigen den Unterschied recht eindrücklich. Wenn nun ein Bibelübersetzer die Satzzeichen bei einer Stelle gestützt auf eine vorgefasste Meinung anbringt, dann kann das zu grossen Problemen führen. Ein geradezu klassischer Fall solcher Auslegungsübersetzung liegt bei Luk. 23,43 vor.

In den meisten Bibeln lautet die Stelle etwa so:

Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“

Einige fügen sogar ein im Grundtext nicht gegebenes „noch“ nach dem Heute ein, um diesen Gedanken zu unterstreichen. So wird das Schwergewicht der Aussage Jesu auf das „Heute“ gelegt in dem Sinne, dass das Versprechen Jesu noch am gleichen Tag erfüllt würde. Ist das richtig?

Wurde die Zusage Jesu „heute“ gemacht oder „heute“ erfüllt?

L. Reinhardt2 hat in seiner Übersetzung des Neuen Testaments eine Anmerkung angebracht, die zu dieser Frage Stellung nimmt:

„Die jetzt übliche Interpunktion dieser Stelle ist ohne allen Zweifel falsch und widerspricht der ganzen Denkweise Christi und des Schächers.

2 Reinhardt, L.: „Das Neue Testament“, Anmerkung zu Luk. 23,43

Sie konnte nur deshalb auf kommen und später zur allgemeinen Herrschaft gelangen, weil die Griechen und Römer kein rechtes Verständnis für die israelitische Messiashoffnung hatten ... Christus (der Messias) hat aber unter dem Paradies sicher nicht eine Unterabteilung des Totenreiches, sondern nur die Wiederherstellung des Paradieses auf Erden, oder das Messiasreich verstanden. Auch der Schächer kann nur an dieses gedacht haben, weil er ja auch ausdrücklich gebeten hatte:

,Erinnere dich meiner, wenn du in deiner (messianischen) Königsherrschaft kommst.‘ …

Der Ausdruck: ,ich sage dir heute‘ entspricht auch ganz der hebräischen Sprechweise, wie viele Stellen des Alten Testamentes beweisen. Er war besonders passend am Kreuz und am Todestag Jesu, weil er so die Verheissung Jesu in einzigartiger Weise bekräftigte.

Da Jesus zu dem allem sogar am dritten Tage nach seinem Tode noch der Maria Magdalena erklärt:

,denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater‘
(Joh. 20:17),

so kann und darf das ,heute‘ nicht in der üblichen Weise verstanden werden.“

George M. Lamsa3, ein Theologe, der selbst in einem ganz altbiblisch- aramäischen Milieu aufgewachsen ist, erklärt zu unserer Stelle:

3 Lamsa, George M.: „Die Evangelien in aramäischer Sicht“, S. 353. Max Burri, Neuer Johannes-Verlag, Gossau-St. Gallen, 1963.

„Der aramäischen Ausdrucksweise entsprechend, fällt in diesem Text der Nachdruck auf das ,heute‘, und die Übersetzung sollte folgendermaßen lauten:

,Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradiese sein!‘

 

Diese Versicherung wurde an jenem Kreuzigungstage gegeben, während die Erfüllung erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen wird. Es ist eine Besonderheit der orientalischen Ausdrucksweise, dass man beim Geben eines Versprechens auch gleichzeitig den Tag erwähnt, an dem dies geschieht. Dann ist die spätere Erfüllung auch mit aller Sicherheit gewährleistet.“

Weniger als vierundzwanzig Stunden, bevor Jesus verraten wurde, gab er seinen Jüngern die feste Zusicherung:

Euer Herz erschrecke nicht!

Glaubet an Gott und glaubet an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.

Wenn’s nicht so wäre, würde ich dann zu euch gesagt haben:
Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten,
so will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen,
damit ihr seid, wo ich bin.“

(Joh. 14:1-3.)

Nach diesen Worten wird der Gläubige erst bei der Wiederkunft Christi endgültig mit seinem Herrn vereint. Der Schächer konnte gar nicht an jenem „Heute“ schon mit Jesus im Paradiese sein. Jesus selbst ging an seinem Todestag nicht ins Paradies, sondern ins Grab.

Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte in des Fisches Bauch war, so wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte im Schoss der Erde sein.“
(Matth. 12:40.)

 

Es ist deshalb völlig berechtigt, wenn verschiedene Bibelübersetzer die Satzzeichen in Luk. 23:43 anders setzen; denn sonst legt man Widersprüche in die Bibel hinein. Im Neuen Testament, übersetzt von Pastor Reinhardt, lauten diese Verse so:

Und er sprach zu Jesus:

Erinnere dich meiner, wenn du in deiner Königsherrschaft kommst.

Und Jesus sprach zu ihm:

Wahrlich, ich sage dir heute: mit mir wirst du im Paradiese sein.“

Ähnlich gibt die Konkordante Wiedergabe Vers 43 wieder:

„Und Jesus sagte zu ihm:

Wahrlich, dir sage ich heute: Mit mir wirst du sein im Paradiese.“

Nur so stimmt der Vers mit den übrigen Aussprüchen Jesu überein, welche alle die Belohnung auf die Zeit seiner Wiederkunft verlegen.

Fassen wir zusammen:

 

Der Schächer bat Jesus, seiner zu gedenken, wenn er in seiner Königsherrschaft komme. Christus tröstete ihn darauf so:

Wahrlich, ich sage dir heute, heute, wo du am Kreuze hängst, heute, wo ich am Kreuze hänge, heute, da wir verspottet und verhöhnt werden, heute, in dieser furchtbaren Lage, sage ich dir:

Du wirst mit mir im Paradiese sein.“

Auch rein sprachlich ist diese Übersetzung gerechtfertigt, da das griechische „ese“ sowohl mit „wirst du“ als auch mit „du wirst“ übersetzt werden kann. Wenn wir Wort für Wort übersetzen, ergibt sich folgendes Bild:

Und sagte zu ihm Jesus wahrlich ich sage dir heute mit mir du wirst sein im Paradies.“

 

Es ist völlig logisch, das Komma nach „heute“ zu setzen. Den mit Jesus Gekreuzigten beschäftigte nicht die Frage nach dem Wann, sondern, ob er überhaupt je einmal im Paradies sein werde.

Es ging um die Begnadigung, und nicht um eine Zeitfrage. Ulrich Wilckens4 sagt dies mit folgenden Worten:

„Lukas versteht das Wort Jesu also nicht im Sinne einer ausnahmsweise vorzeitigen

Entrückung des Schächers in den Himmel am Todestage Jesu, sondern im Sinne einer gegenwärtigen Zusage ewiger Heilsteilhabe.“

4 Wilckens, Ulrich: „Das Neue Testament, übersetzt und kommentiert von Ulrich

Wilckens“, Anmerkung zu Luk. 23,43.


Kommentare

Noch keine Einträge vorhanden.



Flag Counter